Vorträge

PLENARVORTRAG

Claudia Riemer

Prof. Dr. Claudia Riemer

Die Deutschlehrendenbildung neu denken? DaF-Lehrkompetenz als Zukunftskompetenz

Das gesamte Feld des Fremdsprachenlehrens und -lernens steht unter großer Spannung. Besonders typische Folgefremdsprachen wie Deutsch werden international nicht selbstverständlich Lerngegenstand in Schule, Hochschulen und Erwachsenenbildung bleiben oder werden. Nutzungsmöglichkeiten und Zukunftspotenziale von Sprachkenntnissen (z. B. auf dem internationalen Wirtschafts- und Arbeitsmarkt, zur Pflege familiärer Traditionen und kultureller Teilhabe) sind im Wandel. Gleichzeitig verändern digitale Werkzeuge und KI-Anwendungen fundamental die Wahrnehmung von Sprachenlernen sowie die Lehr- und Lernprozesse selbst. Querschnittsaufgaben wie politische Bildung, Nachhaltigkeit und Inklusion erweitern zudem den Auftrag des Fremdsprachenunterrichts.

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf die DaF-Lehrendenbildung? Der Vortrag skizziert Überlegungen für eine zukunftsfähige, mehrdimensionale DaF-Lehrkompetenz, die Lehrende befähigt, den Wandel nicht nur zu bewältigen, sondern ihn aktiv und selbstbewusst mitzugestalten.

Im Zentrum steht weiterhin eine solide fremdsprachendidaktische Basis für wissensbasiertes und kontextsensitives Handeln im Unterricht. Diese wird jedoch erst zukunftsfähig, wenn sie Schlüsselkompetenzen nicht nur addiert, sondern fachdidaktisch integriert. Dazu gehören z. B. eine Digital- und KI-Kompetenz, die über instrumentell-operative Fertigkeit hinausgeht und den kritisch-reflektierten, didaktisch sinnvollen Einsatz im Lehr-Lern-Prozess ermöglicht, und eine curriculare und sprachen-/bildungspolitische Gestaltungskompetenz, die es Lehrenden erlaubt, Bildungspläne auf spezifische Lernbedarfe anzupassen und die Relevanz des Lernens von Deutsch als Fremdsprache aktiv zu vertreten.

Hieraus ergeben sich Konsequenzen und Änderungsdruck auf Inhalte, Konzepte, Curricula und Praxisorientierung in der gesamten Fremdsprachenlehrendenbildung sowie auf die Lehrerbildner:innen, die dieses umsetzen, auf die Orte und Räume, wo sie stattfindet, auf die Adressat:innen, an die sie sich richtet.

Biographie:

Nach Magisterstudium (DaF, Germanistik und Soziologie) und Promotion in DaF sowie Habilitation in Sprachlehrforschung ist Prof. Dr. Claudia Riemer seit 2002 Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Bielefeld. Sie engagiert sich für die Weiterentwicklung der akademischen Deutschlehrerausbildung (z.B. Dhoch3) und Förderung von jungen Wissenschaftler:innen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Sprachlehr- und -lernforschung, Didaktik Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Forschungsmethodologie in der empirischen Fremdsprachenforschung sowie Lehrerbildungsforschung im Bereich DaF und DaZ. 

https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=73152

ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0003-1064-227X

PLENARVORTRAG

Dörthe Uphoff

Prof. Dr. Dörthe Uphoff

Mariana Kuntz

Prof. Dr. Mariana Kuntz de Andrade e Silva

Kritischer Deutschunterricht in der Diskussion: Szenen und Möglichkeiten des pädagogischen Handelns

In diesem Vortrag möchten wir zusammen mit dem Publikum über Potenziale und Herausforderungen bei der Umsetzung einer kritischen Didaktik im Deutschunterricht reflektieren. Zu diesem Zweck werden wir zunächst eine kurze Einführung in die Eigenschaften dieses Ansatzes geben, indem wir die kritische Didaktik aus der brasilianischen Tradition nach Paulo Freire herleiten und aktuelle Konzeptionen in der Sprachdidaktik besprechen. Im Anschluss daran wollen wir vier Szenen aus dem Alltag des Deutschunterrichts präsentieren, die unterschiedlichen Herausforderungen bei der Umsetzung der kritischen Sprachdidaktik veranschaulichen. Anhand dieser Szenen streben wir an, einen realistischen Blick auf den kritischen Deutschunterricht im brasilianischen Kontext zu werfen und einen Raum für den Meinungsaustausch mit Kolleg:innen zu schaffen. In diesem Zusammenhang möchten wir einige häufig geäußerte Kritikpunkte in Bezug auf den kritischen Deutschunterricht adressieren und insbesondere die Bedeutung der kritischen Haltung der Lehrperson herausarbeiten. 

Biografien: 

Dörthe Uphoff studierte Germanistik, Romanistik und Soziologie an der Universität zu Köln und lebt seit 1994 in Brasilien. Sie war als Deutschlehrerin an verschiedenen Schulen und Universitäten des Landes tätig und promovierte 2009 an der Unicamp im Bereich der Angewandten Sprachwissenschaft. Seit 2012 ist sie Professorin im Germanistikstudiengang der Universität São Paulo (USP), wo sie im Rahmen des Postgraduierungsprogramms „Deutsche Sprache und Literatur“ die Forschungslinie Deutsch als Fremdsprache vertritt und Master- und Doktorarbeiten betreut. Zu ihren aktuellen Arbeitsschwerpunkten gehören kritische Ansätze in der Fremdsprachendidaktik, didaktisch-methodische Prinzipien, Materialproduktion, Sprachenpolitik sowie der Einsatz von Kinder- und Jugendliteratur im Deutschunterricht.

Mariana Kuntz de Andrade e Silva ist seit 2023 Professorin für Deutsch im Germanistikstudiengang der Universität São Paulo (USP). Sie hat ihr Masterstudium (2015) und ihre Promotion (2020) in Germanistik an der Universität São Paulo abgeschlossen und einen Forschungsaufenthalt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (2018) absolviert. Ihre Forschungsinteressen betreffen unter anderem Lehr-Lernmaterialien, Prinzipien des Sprachenlernens und kritischen sowie dekolonialen Deutschunterricht. 

PLENARVORTRAG

Prof. Dr. Fernanda Boarin Boechat

„Ästhetisches Deutschlernen: Möglichkeiten und Wirkung der ästhetischen Erfahrung mit Literatur“

Der Literaturunterricht, egal ob im erst- oder fremdsprachlichen Kontext, ist häufig kompetenzorientiert, so dass rein ästhetische Erfahrungen selten im Vordergrund stehen. Mit der Idee, den literarischen Text per se als Protagonist im jeweiligen Lehr- und Lernzusammenhang zu begreifen und die Beziehung zwischen Text und Lesenden neu zu denken, geht es in diesem Vortrag um praxisorientierte Beispiele in Bezug auf das Fach Literaturdidaktik des DaF-Lehramtsstudiengangs an der Bundesuniversität von Pará (UFPA). Vorgestellt wird ein literaturdidaktischer Ansatz, der entgegen einer kompetenzorientierten Ausrichtung das Potenzial der ästhetischen Erfahrung und die transdisziplinäre Dimension der Literatur hervorhebt. Unserer Meinung nach werden Sprach- und Kulturmittlung eher als Konsequenz der ästhetischen Erfahrungen verstanden, welche im Mittelpunkt stehen und kein beiläufiges Nebenprodukt sind. Sprachliche Kenntnisse sind nicht unbedingt entscheidend für die ästhetische Erfahrung und sollen auch überhaupt nicht das Ziel im Kontext der Literaturdidaktik sein. In diesem Sinne wird die Sprache nicht lediglich als schlichtes Kommunikationsinstrument verstanden, sondern als Medium begriffen, in dem sich u. a. historische, soziale und politische Aspekte manifestieren – was eine besondere Rolle im fremdsprachlichen Kontext spielt. Angesichts der genannten Beispiele wird abschließend festgestellt, dass die Lesbarkeit des literarischen Textes nicht durch sprachliches Wissen gewährleistet werden kann, sondern über die argumentative Logik des poetischen Textes hinausgeht und Räume für die Reflexion und Rekonstruktion von Weltanschauungen schafft.

Biographie:

Fernanda Boarin Boechat studierte Germanistik, Brasilianistik und Übersetzung (2008) an der Bundesuniversität Paraná (UFPR). Sie absolvierte einen Master (2011) und eine Promotion (2017) im Bereich der Literaturwissenschaft an der UFPR. Seit 2019 ist sie für deutsche Sprache und deutschsprachige Literatur an der Bundesuniversität von Pará tätig. Sie ist Leiterin der Forschungsgruppe „Mobilidades literárias: literatura e construções (inter)culturais“ und Vizeleiterin der Forschungsgruppe Cosmos Littera“.  Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Vergleichende Literaturwissenschaft, Literaturdidaktik und Übersetzung.

PLENARVORTRAG

Michael Dobstadt

Dr. Michael Dobstadt

Die Herausforderung der (Fremd-)Sprach(en)didaktik durch KI im Lichte des Spannungsverhältnisses zwischen Konventionalität und Kreativität

Dietmar Rösler hat in seinem Aufsatz „Auf dem Weg zum Babelfisch? Fremdsprachenlernen im Zeitalter von Big Data‟ (Rösler 2020) auf die den FSU massiv verändernden Folgen der sich abzeichnenden technologischen Revolution aufmerksam gemacht und ihm eine „destruktive Innovation‟ (Rösler 2020: 599) vorausgesagt. Denn wer wird noch Sprachen lernen wollen, wenn durch immer bessere Übersetzungsprogramme fremdsprachliche Kompetenz in Alltagssituationen entbehrlich wird? Übersehen wird dabei allerdings, dass Sprache sich immer – auch im sog. ‚Alltag‘ – in einem nicht zu vereindeutigenden Spannungsfeld von Konventionalität und Kreativität bewegt, zu dem die KI systembedingt nur begrenzten Zugang hat, da sie ausschließlich „im Datenrahmen des bereits Bestehenden‟ operiert (Hannes Bajohr in: Sternstunde Philosophie 04.03. 2023). Im Vortrag sollen die Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes von KI im Fremdsprachenunterricht daher mit Blick auf die Frage nach dem Sprachbegriff, der dem FSU zugrunde liegt, diskutiert werden. Die These lautet dabei, dass der aktuelle FSU sich spätestens jetzt, angesichts der Herausforderung durch KI, mit dem Umstand auseinandersetzen sollte, dass er selbst auch mit einer reduzierten Vorstellung von Sprache arbeitet. Ich möchte mithin dafür plädieren, den Blick zu weiten und in der Diskussion über die Chancen und Grenzen des Einsatzes von KI im Kontext des FSU nicht nur die richtigen und wichtigen Kritikpunkte wie Bias, Halluzinationen und Datenschutz zu berücksichtigen, sondern auch und gerade der Frage des Sprachbegriffs Aufmerksamkeit zu schenken.  

Literatur: 

Chatbot GPT – Das Ende der Kreativität? Sternstunde Philosophie, 04.03.2023. https://www.srf.ch/audio/sternstunde-philosophie/chatbot-gpt-das-ende-der-kreativitaet?id=12345523./Rösler, Dietmar (2020): Auf dem Weg zum Babelfisch? Fremdsprachenlernen im Zeitalter von Big Data. In: Info DaF, 47(6), 596–611. 

Biographie:

Dr. Michael Dobstadt ist DAAD-Lektor in Asunción/Paraguay. Zuvor war er als DAAD-Lektor in Salamanca/Spanien sowie am Herder-Institut der Universität Leipzig tätig. Von 2017 bis 2024 vertrat er die Professur für Deutsch als Fremdsprache an der TU Dresden. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im transdisziplinären Feld zwischen Literaturwissenschaft, Kulturwissenschaft, Linguistik sowie Literatur- und Sprachdidaktik, wobei sein besonderes Interesse den Funktionen und Potenzialen literarischer Textualität im Kontext von DaF/DaZ gilt. Er ist Mitentwickler des Dhoch3-Moduls 10 „Literatur, ästhetische Medien und Sprache in Deutsch als Fremdsprache‟. Zusammen mit Dr. Renate Riedner (Masaryk-Universität/Brno) arbeitet er an einer „Didaktik der Literarizität für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache‟.

PLENARVORTRAG

Ivanete Sampaio

Prof. Dr. Ivanete da Hora Sampaio

Raquel Menezes

Ms. Raquel Garcia D’Avila Menezes

Theorie trifft Erfahrung: Ein neuer dialogischer Zugang zu rassismuskritischer Sprachbildung im Fach Deutsch

In unserem Vortrag treten wir miteinander in ein Gespräch, das biographische Erfahrungen, wissenschaftliche Forschung und konkrete Unterrichtspraxis verbindet. Ausgehend von unseren unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionierungen diskutieren wir Zugang zur deutschen Sprache in Brasilien, Unsichtbarkeiten in Lehrwerken sowie Machtstrukturen in Schule und Universität. Während eine Perspektive die Wege, Strategien und Widerstände einer Schwarzen Lehrerin im Feld Deutsch als Fremdsprache sichtbar macht, richtet die andere den Blick auf „Branquitude“ und die oft unhinterfragten Normen, die Curricula, Materialien und Ausbildungsstrukturen prägen. Neben Einblicken in unsere Forschungsarbeiten zur Lehrer*innenbildung möchten wir vor allem Impulse für die Praxis geben: Wie kann rassismuskritische Reflexion im Schulalltag aussehen? Wie können Lehrkräfte eurozentrische Narrative hinterfragen? Und wie lassen sich Unterrichtsmaterialien so gestalten, dass sie die brasilianische Realität ernst nehmen? Der Vortrag ist bewusst dialogisch angelegt. Theorie und Erfahrung begegnen sich im Gespräch. Ziel ist es, gemeinsam mit dem Publikum Wege zu einer reflektierten, inklusiven und antirassistischen Sprachbildung zu erkunden.

Biographien:

Ivanete da Hora Sampaio ist Professorin für Methodik des Deutschunterrichts (MELA) an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universidade de São Paulo (USP). Sie promovierte im Bereich Sprache und Kultur an der Universidade Federal da Bahia (UFBA) mit einem Stipendium der CAPES und absolvierte einen Forschungsaufenthalt am Leibniz-Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) in Berlin (CAPES-Print). Ihren Masterabschluss erwarb sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) in Pädagogik mit Schwerpunkt reflexive Sozialpsychologie und Ethnologie/Afrikanistik. Ihre Forschungsinteressen liegen in der Fremdsprachenlehrkräftebildung, Sprachenpolitik, DaF/DaZ.

Raquel Garcia D’Avila Menezes ist Doktorandin in Linguistik mit Schwerpunkt rassismuskritische Bildung an der Universidade Federal do Paraná (UFPR). Im Rahmen ihres Promotionsprojekts absolvierte sie einen Forschungsaufenthalt an der Universität Bielefeld (CAPES-Print). Ihren Masterabschluss im Fach Deutsch als Fremdsprache erwarb sie an der UFPR in Kooperation mit der Universität Leipzig. Ihre Forschungsinteressen umfassen Kulturstudien, Lehrer*innenbildung, Dekolonialität und Rassismuskritik im Kontext Deutsch als Fremdsprache.

PLENARVORTRAG

Constanze Niederhaus

Constanze Niederhaus (Universität Paderborn)

Deutsch für den Beruf im Kontext beruflicher Mobilität – Ein Überblick über das Arbeitsfeld und aktuelle Entwicklungen

Deutsch für den Beruf (DfB) ist ein zentrales Arbeitsfeld im Kontext beruflicher Mobilität. Es ist breit und vielfältig, richtet sich an unterschiedliche Zielgruppen und umfasst Lernziele, die von der sprachlichen Vorbereitung auf Ausbildung und Erwerbsarbeit im Rahmen der sogenannten Vorintegration bis hin zu berufsbegleitenden Deutschlernangeboten nach der Migration in die amtlich deutschsprachigen Länder reichen. Der Vortrag konturiert das Arbeitsfeld Deutsch für den Beruf, indem er einen Überblick über zentrale Zielgruppen, deren Lernziele sowie unterschiedliche Formen des berufsbezogenen Deutschunterrichts gibt. Darüber hinaus werden aktuelle Entwicklungen im Kontext der internationalen Anwerbung von Fachkräften und Auszubildenden nach Deutschland diskutiert und im Hinblick auf ihre Bedeutung für das Arbeitsfeld eingeordnet. In den Blick genommen werden zudem kommunikativ-sprachliche Anforderungen und Sprachbedarfe im beruflichen Kontext, die sowohl berufsübergreifend als auch berufsspezifisch betrachtet werden. Der Vortrag schließt mit einer kritischen Einordnung der Befunde sowie der Herausarbeitung von Forschungsdesideraten und Handlungsbedarfen für die Praxis.

Biographie:

Constanze Niederhaus ist Professorin für Deutsch als Zweitsprache und Mehrsprachigkeit an der Universität Paderborn. Einer ihrer Schwerpunkte in Forschung und Lehre ist Deutsch für den Beruf. Hier ist sie an verschiedenen Forschungs- und Lehrprojekten beteiligt, u. a. im Bereich „Deutsch für die Pflege“. Weitere Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte von Constanze Niederhaus liegen in den Bereichen Mehrsprachigkeit, Sprachbildung im Fachunterricht sowie Professionalisierung von Lehrkräften. In ihrer Arbeit setzt sie sich auch mit Fragen von Teilhabe, Bildungsgerechtigkeit und dem Umgang mit sprachlicher Diversität auseinander.

PLENARVORTRAG

Diana Feick

Diana Feick

Digitalisierung weiter denken – empirische Befunde und didaktisch-methodische Implikationen zur Online-Interaktion im DaW-Kontext

Anhaltende digitale Transformationsprozesse und sich ständig weiterentwickelnde digitale Kommunikationsweisen prägen die Erforschung des Lehrens und Lernens von Deutsch als weiterer Sprache – nicht nur in Lateinamerika. Das mündliche und schriftliche Interagieren im virtuellen Raum unterscheidet sich grundlegend von dem im physischen Raum und bedarf seitens der Lehrenden und Lernenden einer Erweiterung ihres Kompetenzspektrums. Im Beitrag werden ausgewählte erste Forschungsbefunde präsentiert und diskutiert, die zur begrifflichen und empirischen Konturierung einer sogenannten Online-Interaktionskompetenz beitragen sollen. Daran schließt sich die Frage an, welche Konsequenzen sich didaktisch-methodisch aus der Omnipräsenz digital vermittelter Kommunikation für das Sprachenlehren und -lernen in virtuellen oder hybriden Unterrichtssettings und damit auch für die Professionalisierung von Deutschlehrkräften ergeben.

Biographie:

Diana Feick ist Juniorprofessorin (Tenure Track) für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache mit dem Schwerpunkt auf empirischer Unterrichtsforschung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Digitalisierung und KI, sprach- und fachintegriertes Lernen an der Hochschule, Onlineinteraktion, mobiles und hybrides Deutschlernen und -lehren, virtueller Austausch in DaF/DaZ, Lernendenautonomie.

ERÖFFNUNGSVORTRAG

Kathrin Siebold

Kathrin Siebold

Anelise Gondar

Anelise Gondar

Zwischen Persönlichkeitsbildung und beruflicher Mobilität: Deutsch lernen und lehren

Deutsch lehren und lernen ist seit jeher durch eine große Vielfalt an Kontexten, Zielsetzungen und institutionellen Rahmenbedingungen geprägt. Aktuell treten insbesondere migrationsbedingte Berufsorientierung, transnationale Bildungsbiografien sowie die fortschreitende Digitalisierung von Lehr- und Lernprozessen als zentrale Bezugspunkte hinzu. Damit erweitern sich nicht nur die Kompetenzanforderungen an Lernende, sondern auch die professionellen Rollen- und Aufgabenprofile von DaF-/DaZ-/DaW-/DaFF- Lehrkräften. 

Diese wachsende Diversität trifft auf gleichermaßen heterogene Ausbildungsstrukturen und -wege, was deutlich macht, dass Lehrkräfte sich in kontinuierlichen, dynamischen und lebenslangen Entwicklungsprozessen bewegen und berufliche Ausbildungen eigentlich nie als abgeschlossen gelten können.

Vor diesem Hintergrund gewinnen Konzepte wie Lehrendenautonomie und kollegiale Kooperation sowie Formate wie Professionelle Lerngemeinschaften und Aktionsforschung an Bedeutung. Professionelles Lernen vollzieht sich hier als lebenslanger sozialer Prozess des gemeinsamen Austauschs, Reflektierens, Experimentierens und Lernens. 

Gerade internationale Bildungskooperationen zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden eröffnen Räume, in denen lokale, institutionelle und disziplinäre Grenzen überschritten werden. Sie können Lehrkräfte in ihrer Handlungsfähigkeit stärken und dazu beitragen, den Herausforderungen gegenwärtiger Transformationsprozesse selbstbewusst und solidarisch zu begegnen.

Biographien:

Kathrin Siebold ist Professorin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Philipps-Universität Marburg, wo sie seit 2017 als Lehrstuhlinhaberin verschiedene DaF- und DaZ-Studiengänge im Master-, Lehramts- und Weiterbildungsbereich leitet. Vor ihrem Wechsel nach Deutschland forschte und lehrte sie über 15 Jahre im spanischen Hochschulraum. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der kontrastiven Pragmatik, der Interaktionsforschung, der Bildungskooperationsforschung, der Didaktik und Methodik sowie der Professionalisierung von DaFZ-Lehrpersonen.

Anelise Gondar ist seit 2021 Professorin für deutsche Sprache an der Universidade Federal Fluminense (UFF) in Niterói, Rio de Janeiro. Zuvor war sie als Lehrkraft am Goethe-Institut, an der UFRJ als Professora Substituta und an der UERJ als Professora Adjunta für deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft tätig. Neben ihrer Lehrtätigkeit im Bachelor- und Lehramtsstudium sowie ihrem Engagement in verschiedenen Weiterbildungs- und Transferprojekten forscht sie gerne zu folgenden Themen: DeutschlehrerInnenausbildung, DaF-Didaktik, Sprachmittlung, Dolmetschwissenschaft.

PLENARVORTRAG

Katrin Flohr

Kathrin Flohr

Geraldo de Carvalho

Dr. Geraldo de Carvalho

Plurilingualität als Demokratiekompetenz: Mehrsprachigkeitsdidaktik im Spannungsfeld von Sprachenpolitik und Unterrichtspraxis in Brasilien

Mehrsprachigkeit ist längst kein wünschenswertes Zusatzmerkmal mehr, sondern eine zentrale Demokratiekompetenz. Vor diesem Hintergrund verabschiedete das Komitee der Ministerinnen und Minister des Europarats im Februar 2022 eine Empfehlung, die mehrsprachige und interkulturelle Bildung als Schlüssel für demokratisches Zusammenleben hervorhebt und ihre kognitiven, sprachlichen und sozialen Potenziale betont.

 

Auch die Wiener Thesen, die im Rahmen der XVII. IDT 2022 verabschiedet wurden, räumen der Mehrsprachigkeit einen prominenten Stellenwert ein. Gleich die erste These lautet: „Deutschlernen findet in einer mehrsprachigen Gesellschaft statt“, in der Lernende vielfältige sprachliche und kulturelle Erfahrungen mitbringen, die als Ressourcen wahrgenommen und didaktisch einbezogen werden müssen. 

 

Das Ergebnis einer vom FIPLV (International Federation of Language Teacher Associations) in den Jahren 2024/2025 durchgeführten Umfrage unter seinen Mitgliedsverbänden weltweit unterstreicht ebenfalls die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für die demokratische Kultur und hebt zugleich die sprachenpolitische Verantwortung der Fremdsprachenlehrverbände hervor.

 

So auch die jüngst verabschiedete sprachenpolitische Resolution des FIPLV (2026), die Empfehlungen für die sprachenpolitischen Akteure enthält, um einen hochwertigen, kontinuierlichen und für alle zugänglichen Sprachunterricht zu gewährleisten, bei dem alle Sprachen wertgeschätzt werden und die Unterstützung von Lehrkräften und Verbänden gestärkt wird.

 

In diesem Sinne setzen sich in Brasilien BraDLV sowie zahlreiche Schulen und Mittlerorganisationen im Bereich Deutsch als Fremdsprache für konkrete sprachenpolitische Maßnahmen zur Förderung der Plurilingualität ein. Der Beitrag analysiert das Spannungsfeld zwischen programmatischen Zielsetzungen und schulischer Realität im brasilianischen Primar- und Sekundarschulbereich. Auf der Grundlage ausgewählter Praxisbeispiele und aktueller Entwicklungen werden Fortschritte, Ambivalenzen und strukturelle Herausforderungen herausgearbeitet. Ziel ist es, über eine nachhaltige und kontextsensibel verankerte Mehrsprachigkeitsdidaktik im brasilianischen Schulkontext zu reflektieren.

Biographien:

M.Ed – Katrin Flohr ist aus Hildesheim, studierte Germanistik und Amerikanistik (B.A.) sowie Master of Education (M.Ed.) an der Leibniz-Universität Hannover. Während ihres Studiums erweiterten Auslandsaufenthalte in Belo Horizonte und Rio de Janeiro ihren interkulturellen Horizont und prägten ihr Engagement für internationale Bildungsarbeit. Als Gymnasiallehrerin für Deutsch und Englisch mit DaF-Zusatzausbildung der Ludwig-Maximilians-Universität München ist sie seit 14 Jahren im deutschen Auslandsschuldienst tätig. Seit 2015 leitet sie den DaF-Bereich am Colégio Visconde de Porto Seguro – Campus Valinhos. Ihr beruflicher Schwerpunkt liegt auf der Förderung von Mehrsprachigkeit als Bildungs- und Zukunftschance. Sie versteht die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen als ganzheitlichen Prozess kultureller Bildung und begleitet Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu aktiver Mehrsprachigkeit. Als Mutter zweier bilingual aufwachsender Töchter verbindet sie fachliche Expertise mit persönlicher Erfahrung und begreift Mehrsprachigkeit als identitätsstiftende Brücke zwischen Kulturen.

Dr. Geraldo de Carvalho ist Generalsekretär des FIPLV (International Federation of Language Teacher Associations) und Leiter der Spracharbeit am Werther Institut Juiz de Fora. Zudem ist er beeidigter Übersetzer und Dolmetscher für das Sprachpaar Deutsch/Portugiesisch sowie festes Mitglied des Redaktionsteams der DaF-Brücke, der Zeitschrift der lateinamerikanischen Deutschlehrendenverbände. Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften an der UFJF absolvierte er einen Masterstudiengang im Bereich Übersetzungswissenschaft an der UFMG, an der auch seine Promotion mit Schwerpunkt auf Übersetzung heiliger Texte 2010 erfolgte. Während seiner achtjährigen Tätigkeit als Schriftleiter des IDV (2013-2021) engagierte er sich hauptsächlich im Bereich der Sprachenpolitik und war von 2017 bis 2021 im DACHL-Gremium des IDV tätig.